Zeitmillionärin mit knappen Finanzen – Downshifting meine Erfahrungen

„Hello again!“ – heute melde ich mich zurück, um von meinen persönlichen Downshifting-Erfahrungen zu berichten. Zur Erinnerung: 2016 kündigte ich meine gut bezahlte, aber zeitintensive Stelle als Projektleiterin in einer Agentur. Mein Ziel: kein Dauerstress und Zeit für meine Familie und mich selbst. Ich startete in eine Auszeit ohne Aussicht auf einen neuen Job und wurde „Zeitmillionärin“! Auf den Geschmack gekommen, beschloss ich,  meine Karriere vorerst aufzugeben. Ich ließ interessante Jobangebote sausen, gab Headhuntern den Laufpass und suchte nach einer Stelle mit viel Freizeit. Seit März 2017 arbeite ich in Teilzeit in der Kundenbetreuung eines Start-ups.

Der selbst gewählter Karriereabstieg scheint für viele entweder …
a) nicht nachvollziehbar und leichtsinnig oder
b) mutig und nachahmenswert.
Über das Blog-Kontaktformular erreichen mich regelmäßig Interviewanfragen. Zwei davon habe ich angenommen. Ein spannendes Interview mit dem Institut für Soziologie der Georg-August-Universität Göttingen und ein Gespräch mit einer großen deutschen Tageszeitung (hier geht es zum Artikel) liegen hinter mir. Die Veröffentlichungen werde ich hier verlinken. Zudem möchte ich heute selbst von meinen bisherigen Erfahrungen berichten.

Mein neuer Zeitwohlstand

Los geht’s mit dem Thema Zeit. Meine Hoffnung auf viel unbeschwerte Freizeit nach dem Downshifting hat sich erfüllt! Mein Verantwortungsbereich im Job ist gut überschaubar und es fallen keine Überstunden an. Nach Feierabend schalte ich komplett ab. Ich fühle mich als Zeitmillionärin! Jeden Tag habe ich ausreichen Raum und Muße für meine Familie, meine Hobbys, meine Freunde. Stress kenne ich nicht mehr. 

Aktuell bin ich in einem Schichtsystem. Im wöchentlichen Wechsel arbeite ich von 10-16 Uhr und von 17-23 Uhr. Vor Schichtarbeit haben mich alle gewarnt – ich finde es großartig!

Wie sehen meine Tage in einer Frühschichtwoche aus?

Ich stehe zeitig auf, da meine kleine Tochter pünktlich um 8:30 Uhr zum Morgenkreis im Kindergarten sein möchte. Wir frühstücken gemütlich und machen uns dann auf den Weg in die Kita. Im Anschluss gehe ich wieder nach Hause, da mein Arbeitstag erst um 10 Uhr beginnt. Ich trinke noch einen Kaffee und lese in Ruhe Nachrichten. Bei gutem Wetter laufe ich gerne ein Stück zur Arbeit. Im Büro angekommen, arbeite ich sechs Stunden am Stück. Pünktlich um 16 Uhr ist Schichtende. Ich hole mein Kind von der Kita ab und wir entscheiden spontan, was wir unternehmen: Spielplatz, Basteln, Murmelbahnen bauen, Freunde treffen – für alles habe ich Zeit. Abends koche ich, und nachdem mein Kind im Bett ist, lasse ich den Tag gemeinsam mit meinem Mann und mit Hobbys ausklingen.

Wie gestalte ich Spätschichtwochen?

Auch an Tagen mit Spätschicht stehe ich früh auf und verbringe den Morgen mit meiner Tochter. Im Anschluss habe ich ganze sieben Stunden zur freien Gestaltung! Bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache, fröne ich meinen Hobbys. Ich werkel in meinem Balkongarten oder sitze an der Nähmaschine. Ich mache Sport, treffe Freunde in ihrer Mittagspause, besuche Ausstellungen oder fahre an den See. Bei Ausflügen ist meine Tochter meist dabei, da sie noch keine Schulpflicht hat. Manchmal liege ich einfach auf dem Sofa und schauen Serien. Zukünftig möchte ich meinen Zeitwohlstand auch für freiberufliche Schreibprojekte nutzen. Was ein Leben! Nach der 6-stündigen Spätschicht bin ich gegen 24 Uhr zu Hause im Bett. Schaffe ich es, schnell einzuschlafen, kann ich noch ganze sieben Stunden schlummern, bevor der Wecker klingelt.

Ich bin mir selbst unglaublich dankbar, dass ich den Mut hatte, aus der Karrieretretmühle auszusteigen und meine Tage frei gestalten kann!

Geld macht nicht glücklich, beruhigt aber ungemein

Meine Entscheidung für den Karriereausstieg ist mit finanziellen Einbußen verbunden. Das war mir im Vorfeld bewusst und ich habe dieses Thema mit Blog-Lesern und in meinem privaten Umfeld intensiv diskutiert. Wie geht es mir nun mit meinem kürzeren Gehalt?

Bereits seit März 2016 beschäftigte ich mich mit dem Thema Minimalismus und habe meine Ausgaben an allen Ecken und Enden drastisch heruntergefahren. Und das ist gut so. Denn bei einem Stundenlohn von 9,81 Euro kombiniert mit Teilzeit bleibt, trotz Schichtzulagen, wenig finanzieller Spielraum. Den größten Teil meines Einkommens zahle ich, genau wie mein Mann,  in die Familienkasse ein. Hieraus decken wir unsere gemeinsamen Ausgaben für Wohnen, Essen, Versicherungen und Kind. Von meinem restlichen Gehalt bezahle ich mein Monatsabo für die Berliner Verkehrsbetriebe und lege 100 Euro auf die hohe Kante. Zur freien Verfügung gönne ich mir monatlich 50 Euro. Diese stecke ich am Monatsanfang in meinen Geldbeutel. Das Budget reicht aus, um beispielsweise zweimal mit Freunden Essen zu gehen und einmal ins Kino. Am „Ende des Geldes“ verschiebe ich meine Freizeitgestaltung nach „umsonst und draußen“. Für mich ist das eine Umstellung. Als Gutverdienerin gab ich monatlich allein für Restaurantbesuche 150 Euro aus. Eintritte bezahlte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Ganz nebenbei kaufte ich mir hier einen Kaffee und dort eine Tagescreme. Jetzt rechne ich, ob ich mir einen Besuch beim Heilpraktiker leisten kann oder verzichte auf einen Saunabesuch, wenn ich jemandem ein Geschenk kaufe. Meiner gute Laune tut dies meist keinen Abbruch. Belastend hingegen finde ich Gedanken an meine Rente. Und, dass mein Mann unseren diesjährigen Ostseeurlaub alleine finanziert hat, ist für mich schwer erträglich. Für mich fühlt sich Pflichtminimalismus nicht so befreiend an, wie optionaler Minimalismus. Was mir hilft, sind Bücher wie „Aussteigen – light. Ein familientauglicher Ratgeber wie man mit wenig Geld komfortabel lebt„. Hieraus ziehe ich sehr viel Know-how und Motivation. Mein langfristiges Ziel ist es allerdings, mir wieder mehr finanziellen Puffer zu verschaffen. 

Langweile ich mich in meinem neuen Job?

Für viel Diskussionsstoff sorgte im Vorfeld meiner Entscheidung die Frage, ob mich ein weniger anspruchsvoller Job deprimieren wird. Macht es unzufrieden, das persönliche Karrierepotenzial nicht auszuschöpfen? Ich kann dies bisher verneinen. Ich gehe richtig gerne zu meiner neuen Arbeit. Das liegt daran, dass ich in einem unglaublich sympathischen Team gelandet bin. Im Büro treffe ich erfrischende Quereinsteiger aus den unterschiedlichsten Professionen. Zudem sind meine Aufgaben abwechslungsreich und ich habe viel Entscheidungsfreiraum. Ein Gefühl von Unterforderung tritt bei mir auch deshalb nicht auf, da ich meinen Fokus auf meine privaten Tätigkeiten lege. Ich lerne wie ich Gemüse und Obst auf dem Balkon anbauen oder wie ich mein Fahrrad repariere. Ich lese viele Bücher und schreibe wieder. Selbstverwirklichung muss meiner Meinung nach nicht ausschließlich im Job stattfinden.

„Ob ich glaube, dass ich nach meinem Karriereausstieg jemals wieder Zugang zu gut bezahlten Stellen haben werde“, fragte mich die Redakteurin bei meinem letzten Interview. Das wird sich noch herausstellen. Mein Ausstieg und auch dieser Downshifting-Blog verhindern mit Sicherheit den Zugang zu bestimmten Branchen. Auf der anderen Seite erlebe ich, dass mir mein vielseitiger Lebenslauf und dieser Blog ganz neue Türen öffnen. Ich bin zuversichtlich, dass ich meinen ganz persönlichen Weg im Arbeitsdschungel finden werde.

Welche Erfahrungen hast Du mit Downshifting gemacht? Mich interessiert das immer sehr! Schreibe es gerne in die Kommentare.

7 Gedanken zu “Zeitmillionärin mit knappen Finanzen – Downshifting meine Erfahrungen

  1. aurelia schreibt:

    Moin 🙂
    schön wieder von dir zu lesen und dann noch so viel positives, super.
    War schon sehr gespannt wie es dir so ergangen ist und ob du zufrieden bist mit der Reduzierung im Job.
    Erfahrungen habe ich selbst damit zwar nicht, aber zum Thema Selbstverwirklichen und Motivaton, kann ich nur bestätigen, daß es dafür nicht zwingend eine ausser Haus Arbeit braucht 🙂 gesendet von der „nur“ Hausfrau Front *lach…
    Lg Aurelia

    Gefällt 1 Person

  2. Marie schreibt:

    Ein wunderbar ehrlicher und sehr gut geschriebener Artikel – ich finde Deinen Schritt mutig und bewundere ihn. Viele die in „der Mühle stecken“ und unglücklich sind denken bestimmt ähnlich wie Du, trauen sich aber nur gedanklich, diesen Schritt zu gehen und das Wagnis mit allen Kompromissen auch einzugehen.
    Freue mich bald wieder mehr von Dir zu lesen 🙂
    Herzliche Grüße! Marie

    Gefällt 1 Person

  3. Bärbel Menzenbach schreibt:

    Ich finde es ganz super, dass Du den Schritt gewagt hast. Arbeitest Du jetzt täglich (5 x in der Woche) 6 Stunden oder kannst Du die Stunden auch sammeln und einen Tag mehr frei machen?.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt: weniger Arbeit, mehr Freizeit.
    Nach 41 Berufsjahren habe ich seit Dezember 2016 auch nur noch Teilzeit. Ich mache das gleiche wie bisher; 30 Wochenstunden, frei einzuteilen. Ich komme von Montags bis Donnerstags und habe immer den Freitag frei. Genial!!!
    Aber bis ich so weit war, habe ich lange für gebraucht. Wenn sich dieses System erst mal eingespielt hat, dann kommt es dir wahrscheinlich wie mir später auch nicht mehr so besonders vor. Man gewöhnt sich so unendlich schnell an das bessere Leben und fragt sich, wie konntest du das all die Jahre nur solange aushalten?
    Bei Dir wird es tatsächlich das Problem mit der Rente mal sein. Da muss irgendwie für gesorgt werden. Ich habe das große Glück, schon so viel eingezahlt zu haben, dass ich als Rente in ein paar Jahren ungefähr genau so viel bekomme wie jetzt Gehalt.
    Die finanziellen Einbußen, die ich jetzt zum früheren Gehalt habe, sind zwar enorm, jedoch habe ich das so gelöst, dass ich das Geld, was ich jetzt weniger verdiene, nicht mehr spare. Mein Sparkontingent habe ich um diesen Betrag gekürzt. Ansonsten geht alles so weiter wie bisher. Da ich keine Ansprüche an Urlaub, Technik, Konsumgüter usw. stelle, passt das haargenau zu mir. Ich werde nie wieder die volle Stundenzahl arbeiten.
    Ich wünsche Dir, dass bei Dir auch alles so gut zu vereinbaren ist, und alles Gute für Dein „Neues Leben“

    Viele liebe Grüße

    Bärbel

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    • Brombeerhecke schreibt:

      Liebe Bärbel, herzlichen Dank für dein detailliertes Kommentar! Das klingt toll bei Dir – Du kannst Deine Freiheit genießen und hast „Deine Schäfchen schon im Trockenen“. 🙂 Zu Deiner Frage: Ich arbeite gerade in einem starren Zeitsystem, heißt ich kann keine Stunden sammeln oder frei einteilen. Jeden Tag mache ich 6 Stunden punktgenau. Viele liebe Grüße!

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  4. leichtundroh schreibt:

    Ich glaube die Schichtarbeit, vor der Du gewarnt wurdest, ist eine andere 😉 So wie sie bei Dir abläuft, wäre ich auch superglücklich. So wie sie bei mir abläuft, macht sie mich kaputt. Dazu kommt: Die Meisten arbeiten auch mehr Stunden, zwischen 8 und 10 am Tag, und dann meist noch einen zusätzlichen Tag am Wochenende. Bei 6 Stunden am Tag und 5 Tagen die Woche sehe ich da gar kein Problem 🙂

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    • Brombeerhecke schreibt:

      Hallo leichtundroh, ich wurde tatsächlich vor jeglicher Art von Schichtarbeit gewarnt. Aber Du hast recht, das Schichtsystem, indem ich arbeite, ist easy im Vergleich, zudem was Du beschreibst. Ich habe auch schon gelesen, dass Schichten in Vollzeit, auch mit Nachtschicht, richtig krank machen kann. Siehst Du langfristig eine Möglichkeit aus dem Schichten auszusteigen? Viele Grüße!

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