Downshifting-Erfahrung 3: Interview mit Jessi und Michaela

Im dritten Beitrag zur Reihe „Interviews mit echten Downshiftern“ kommen Jessi und Michaela zu Wort. Jessi (37) musste aus gesundheitlichen Gründen bereits kurz nach dem Studium ihre Wochenstunden von 40 auf 30 reduzieren. Heute ist sie wieder gesund und voll leistungsfähig. Ein Leben mit Vollzeit kann sie sich trotzdem nicht mehr vorstellen. Hier berichtet sie offen von den Vor- und Nachteilen des Downshiftings. Michaela (31) hat ihre gut bezahlte und abwechslungsreiche Stelle am Empfang eines großen Autohauses gegen einen ruhigen Sachbearbeiterjob im Hintergrund getauscht. Sie arbeitet zwar immer noch Vollzeit, fühlt sich aber trotzdem viel entspannter und genießt die verbleibende Freizeit. Wie das funktioniert, berichtet sie hier.

Jessi und Michaela, welche Ausbildung habt ihr gemacht und wie sah Euer beruflicher Weg bisher aus?

Jessi: Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notariatsfachangestellten gemacht. Im Anschluss studierte ich Betriebswirtschaftslehre (BWL). Zusätzlich absolvierte ich während meines Studiums eine Yogalehrer-Ausbildung. Wie allgemein üblich startete ich nach dem BWL-Studium mit einer Vollzeitstelle als Kauffrau. Aber bereits nach einem Jahr musste ich aus gesundheitlichen Gründen auf 35 Wochenstunden reduzieren. Und dabei bin ich geblieben. Obwohl es mir heute wieder sehr gut geht, wähle ich meine Jobs immer so aus, dass ich nie mehr als 30 oder 35 Wochenstunden arbeiten muss. Zweimal habe ich mir zudem eine Auszeit von jeweils sechs Monaten gegönnt. In der ersten Jobpause habe in dem Ashram, indem ich damals lebte, bei den Yogakursen assistiert. In der zweiten Auszeit lernte ich für meine inzwischen erfolgreich bestandene Überprüfung zur Heilpraktikerin. Aktuell arbeite ich 30 Wochenstunden als Kauffrau. Ein- bis zweimal pro Woche unterrichte ich Yoga.

Michaela: Ich habe nach meiner Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Autohaus als Serviceassistentin gearbeitet. Ich war hauptsächlich am Empfang tätig, habe Anrufe entgegengenommen und Autos von A nach B gefahren. Ich hatte eine 42-Stunden-Woche. Jeden zweiten Samstag musste ich arbeiten. Dazu kamen viele Überstunden. Belastet haben mich zudem die wechselnden Arbeitszeiten. Im Wechsel hatte ich Schicht von 7 bis 16 Uhr und von 9 bis 18 Uhr. Heute bin ich als Buchhalterin in einem „9-to-5-Job“ angestellt. Ich arbeite im Hintergrund ohne Kundenkontakt. Seither geht es mir viel besser.

Warum habt Ihr Euch für ein Downshifting entschieden? Was war dafür ausschlaggebend?

Jessi: Während meiner Ausbildung, dem Studium und meinem ersten Job habe ich immer zusätzlich nebenbei gearbeitet. Alle sieben Tage meiner Woche waren ständig durchgeplant. Irgendwann machte mein Körper nicht mehr mit. Ich war also erst einmal gezwungen, weniger zu arbeiten. Obwohl ich inzwischen wieder gesund und voll leistungsfähig bin, macht es für mich aber einfach keinen Sinn, mich dem Dogma der 40-Stunden-Woche zu unterwerfen. Ich will Zeit für andere Projekte haben. Zeit für die Heilpraktikertätigkeit, den Yogaunterricht, aber auch einfach für mich selbst, für Sport, Familie und Freunde.

Michaela: Mein erster Job im Autohaus hat mich wahnsinnig gestresst. Ich stand ständig unter Strom und war unglücklich. Mein Wunsch nach Ruhe, geregelten Arbeitszeiten und freien Wochenenden hat mich dazu veranlasst, einen neuen Job zu suchen. Feierabend habe ich nun spätestens um 16:30 und freitags sogar um 14:30 Uhr. Die Samstage sind frei, es gibt keine Überstunden. So habe ich, obwohl ich immer noch Vollzeit arbeite, viel mehr Freizeit und fühle mich entspannt.

Brombeerhecke: Das ist interessant. Wer sich gestresst fühlt und zu wenig Freizeit hat, muss demnach nicht immer in einen Teilzeitjob wechseln. Auch eine Stelle mit weniger Überstunden und geregelteren Arbeitszeiten kann vielleicht ausreichen, um glücklich zu leben.

Wie steht es seit dem Downshifting denn um Eure Finanzen?

Jessi: Natürlich verdiene ich in Teilzeit weniger als mit einer Vollzeitstelle. Mein derzeitiges Gehalt habe ich so kalkuliert, dass alle meine Kosten gut gedeckt sind und ich noch einen kleinen finanziellen Puffer habe. Diesen nutze ich, um für größere Ausgaben, Reisen, Ausbildungen und Ähnliches zu sparen. Ich lege Wert darauf, dass ich jeden Monat etwas Geld zur Seite legen kann. Meine Fixkosten liegen aktuell bei nur 700 €. Das liegt vor allem daran, dass ich auf 22 qm wohne. Dementsprechend gering ist meine Miete. Auf ein Auto verzichte ich bewusst. Zudem achte ich genau darauf, was ich einkaufe. Denn in einer kleinen Wohnung macht sich jedes neue Stück sofort bemerkbar und steht im Weg herum. Ansonsten bin ich nicht sehr sparsam. Ich könnte definitiv weniger Geld für Lebensmittel und Freizeitaktivitäten ausgeben. Soweit komme ich mit meinem Teilzeitgehalt bestens klar. Was mir allerdings schon etwas Sorgen macht, ist das Thema Altersvorsorge. Dafür bleibt bei mir aktuell kein Geld übrig.

Brombeerhecke: Eine andere Downshifterin, die ich interviewt habe, hat sich ebenfalls Gedanken um ihre Altersvorsorge gemacht. Sie will sich für das Alter vorbereiten, indem sie möglichst günstig wohnt. Ein bisschen, wie bei Anne Donath, von der ihr vielleicht schon gehört habt. Zudem setzt sie auf ein gutes soziales Netz. Sie vertraut darauf, dass sie und ihre Freunde sich gegenseitig unterstützen, wenn einer krank wird. Inwieweit, das klappt, wird sich herausstellen. Es ist nur zu hoffen, dass solche Strategien aufgehen. Denn ganz unabhängig vom Thema Downshifting, werden viele Menschen trotz Vollzeitjob nur wenig Rente bekommen und können sich keine private Altersvorsorge leisten. 

Habt Ihr vor dem Downshifting Vorbereitungen getroffen?

Jessi: Nein, das habe ich eigentlich nicht. Ich habe damals nicht lange gegrübelt, sondern einfach gemacht. Die Anpassungen an das geringere Gehalt kamen alle erst in den letzten Jahren. Ich habe mich genau damit beschäftigt, was eigentlich wichtig für mich ist und was ich wirklich benötige.

Michaela: Ich hätte vor dem Jobwechsel gerne erst einmal eine Auszeit genommen. Das konnte ich mir finanziell aber nicht leisten. Deshalb habe ich mich in meinem alten Job durchgekämpft, bis ich die neue Stelle hatte. Mein Gehalt hat sich kaum geändert.

Was gefällt Euch daran, weniger zu arbeiten? Welche Eurer Hoffnungen haben sich erfüllt? Was macht Euch glücklich?

Jessi: Ich habe Zeit! Besonders im Sommer ist das herrlich! Ich verbringe die Nachmittage gerne im Freien und an der Sonne. Es macht mich wahnsinnig glücklich, dass ich zudem Raum für meine vielen privaten Aktivitäten habe. Abends falle ich nicht von der Arbeit total erschöpft auf das Sofa.

Brombeerhecke: Das kann ich nachvollziehen! Während meiner Auszeit letzten Sommer habe ich die meisten Tage mit meiner Tochter am See verbracht. Ich war frei und unbeschwert. Auch mit Job will ich regelmäßig am Wasser liegen und die Sonne genießen. 

Michaela: Ich bin glücklich darüber, dass ich mir in meinem neuen Job hin und wieder spontan freinehmen oder früher gehen kann. Ich habe keinen Abgabedruck. Meine Arbeit kann ich mir weitgehendst selbst einteilen. An einem Tag arbeite ich mehr am anderen weniger. Das hat mein komplettes Leben verändert. Ich bin nicht mehr so gestresst und erschöpft. Ich habe Zeit für mich. Ich mag meine Arbeit, aber sie bestimmte nicht mehr meinen kompletten Lebensinhalt. 

Und jetzt mal ehrlich – welche Nachteile habt Ihr durch das Downshifting? Was macht Euch zu schaffen? 

Jessie: Ich stelle mir schon immer wieder die Frage, ob meine Entscheidung für das Downshifting richtig war. Alle meine Bekannten und Verwandten haben mehr Geld zur Verfügung als ich. Sie können für später sparen, große Reisen unternehmen und vieles mehr. Das kann ich nicht. Auf der anderen Seite habe ich mehr Zeit zum Leben und darum beneiden mich wiederum vor allem meine Kollegen. Problematisch sehe ich einen Umzug in eine größere Wohnung. Die Mietpreise sind in Berlin in den letzten Jahren stark gestiegen. Ein Umzug wäre für mich nur möglich, wenn ich wieder mehr arbeiten würde.

Brombeerhecke: Die Mietpreissteigerung ist wirklich beunruhigend. Eine Lösung könnte vielleicht der Umzug in eine WG sein. In einer Wohngemeinschaft teilen sich die Miet- und Heizkosten. Selbst beim Essen lässt es sich sparen, wenn man zusammen größere Mengen kauft, die ja meist günstiger angeboten werden. Das Leben in einer WG ist allerdings nicht jedermanns Sache. 

Jessi: Ich sehe noch einen Nachteil am Downshifting: Es ist schwieriger, den Job zu wechseln. Teilzeit ist in vielen Unternehmen nicht möglich oder nicht erwünscht. Vor allem dann, wenn die verringerte Arbeitszeit nicht mit Kinderbetreuung begründet wird. Nach meiner Erfahrung macht sich ein Bewerber für viele Unternehmen sofort uninteressant, sobald er den Wunsch nach 30 bis 35 Wochenstunden ausspricht.

Brombeerhecke: Diese Erfahrung habe ich leider auch schon gemacht, selbst mit Kind. Regina aus dem letzten Interview hat zur Jobsuche allerdings tolle Tipps, die ich sehr aufbauend finde. 

Michaela: Bei mir gibt es nur ein kleines Problem: Manchmal ist mein Job als Sachbearbeiterin ziemlich eintönig. Das ist aber erträglich.

Wie haben Eure Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen auf Eure Entscheidung weniger zu arbeiten, reagiert?

Jessi: Mein damaliger Partner hat die Entscheidung unterstützt, genauso wie meine Familie. Heute ist das Downshifting gar kein Thema mehr in unseren Gesprächen. Die meisten Bekannten und Freunde aus dem Yoga- und Heilpraktikerbereich fragen mich häufig ungläubig, wie ich einen Bürojob überhaupt noch aushalte. Sie haben sich dafür entschieden, allein mit dem Geld, das sie als Yogalehrer oder Heilpraktiker verdienen, auszukommen. Und viele Freunde und Bekannte, genauso wie die meisten Kollegen, reagieren fast durchgehend mit „Hast du es gut! Ich will auch Teilzeit arbeiten!“. Wenn ich sie darauf hinweise, dass sie das ja tun können, haben sie aber ganz schnell viele Ausreden und Ausflüchte parat. Mit richtigem Neid hatte ich bisher nur in einem Job Probleme. Eine Kollegin war sehr unzufrieden, weil sie in unserem damaligen Dreierteam die einzige Vollzeitkraft war. Wenn ich um 16:00 Uhr Feierabend gemacht habe, hat sie sehr eifersüchtig reagiert.

Michaela: Das kenne ich. Ich sehe meine alten Kollegen noch sehr oft, da ich meine Stelle innerhalb derselben Firma gewechselt habe. Einige davon beneiden mich sehr. Mein Partner hingegen findet meine Entscheidung klasse – endlich haben wir mehr Zeit für uns!

Brombeerhecke: Als ich damals gekündigt habe, um eine Auszeit zu machen, hat das andere angesteckt. Die Geschäftsführerin ging kurz darauf selbst in eine Auszeit und eine Kollegin reduzierte auf 80 %, um wieder Querflötenunterricht nehmen zu können. Vielleicht hatten sie das aber ohnehin schon vor.  Auf jeden Fall weiß ich aus erster Hand, dass viele Unternehmen Angst haben, dass der Teilzeitwunsch eines Mitarbeiters auf andere Kollegen übergeht. 

Würdet Ihr denn wieder downshiften? Oder bereut Ihr es? 

Jessi: Ich möchte definitiv nicht mehr in Vollzeit arbeiten, jedenfalls nicht dauerhaft. Man verpasst dabei einfach zu viel Lebenszeit!

Michaela: Ich würde meine Entscheidungen ebenfalls wieder so treffen. Gerne würde ich sogar noch weiter downshiften und Teilzeit arbeiten. Das ist momentan aber finanziell nicht möglich, da mein Partner und ich ein Haus gekauft haben.

Auf was sollten Downshifting-interessierte Leser Eurer Meinung nach achten, wenn bevor sie ihre berufliche Situation ändern? 

Jessi: Ich denke, man muss sich schon bewusst sein, dass die Entscheidung finanzielle Einbußen mit sich bringt. Deshalb finde ich es sehr wichtig, einen Überblick über die persönlichen Finanzen zu bekommen. Unnötige Ausgaben müssen erkannt und beseitigt werden. Neben hohen Fixkosten läppern sich oftmals kleine Beträge zu hohen Summen zusammen, ohne dass man das bewusst auf dem Schirm hat.

Brombeerhecke: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt, den alle Interviewpartner bisher genannt haben. Ein Überblick über die Einnahmen und Ausgaben muss her. Im Anschluss kann ermittelt werden, welche Ausgaben gekürzt werden können, sodass ein geringeres Gehalt ausreicht. Ich empfehle hierzu noch einmal das kostenlose Haushaltsbuch vom Blog SchaumImOhr. In einem Kommentar auf Brombeerhecke hat ein Leser zudem darauf hingewiesen, dass es auch nicht schaden kann, auf folgendes Szenario zu achten: Bei Arbeitslosigkeit oder Elternzeit muss man eine Zeit lang mit ca. 65 % des Downshifting-Gehaltes auskommen. Auch das sollte durchdacht werden.

Jessi: Ich hoffe, dass die Möglichkeit, weniger zu arbeiten für mehr Menschen (finanziell) möglich wird! Es gibt einige spannende Projekte, in denen die gesamte Belegschaft maximal 32 Stunden arbeitet und die Ergebnisse sind vielversprechend. Im Grunde ist die 40-Stunden-Woche ein Standard, dessen Sinnhaftigkeit, viel mehr Menschen und Unternehmen hinterfragen sollten.

Michaela: Was ich den Lesern mit auf den Weg geben möchte, ist Folgendes: Planen ist wichtig, aber oft sind wir alle viel zu verkopft! Es ist wichtig, auch auf das Herz zu hören. Mein Motto ist „Love it, change it or leave it!“ Wenn der aktuelle Job nur noch unglücklich macht, sollte man mutig sein und den Sprung in etwas Neues wagen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele meiner Zukunftsängste vor dem Stellenwechsel total irrational waren. In meinem Kopf spielten sich Horrorszenarien ab, die so nie eingetroffen sind!

Brombeerhecke: Das ist doch ein schönes Schlusswort! Plane Dein Downshifting also mit Herz und Verstand!

Liebe Jessi, liebe Michaela, ich danke Euch herzlich für dieses Interview! Für Eure Zukunft wünsche ich Euch nur das Beste!

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2 Gedanken zu “Downshifting-Erfahrung 3: Interview mit Jessi und Michaela

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