Downshifting-Erfahrung 2: Wie Du den passenden Job findest. Interview mit Regina

Nach einer kleinen Pause folgt hier auf Brombeerhecke nun das zweite Interview aus der Beitragsreihe „Interviews mit echten Downshiftern“.

Regina, 62 Jahre alt und ab Juli Rentnerin, schaut auf bewegte und abwechslungsreiche Berufsjahre zurück. Sie hat es geschafft, fast durchgehend nicht mehr als 25 Wochenstunden zu arbeiten. Trotzdem konnte sie sich die interessanten und spannenden Jobs angeln, die leider so oft für Vollzeitkräfte reserviert sind. Mit ihrem Werdegang von der einfachen Sachbearbeiterin zur Geschäftsführerin zeigt Regina, dass es für Downshifter möglich ist, in Teilzeit Karriere zu machen. Wie auch Du Deinen Traumjob mit reduzierter Arbeitszeit finden kannst, erklärt sie hier.

Regina – eine der ersten Zeitpioniere in Deutschland

Als Regina 1970 ins Berufsleben startet, herrscht folgende „Normalität“: Männer und ledige Frauen arbeiten Vollzeit und verheiratete Frauen oft Teilzeit. Denn noch bis 1977 lautet § 1356 BGB Absatz 1:

[1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.

Zudem arbeiten Frauen zum großen Teil in den damals typisch weiblichen Berufen, wie Friseurin, Verkäuferin, Bürokraft oder Arzthelferin.

Regina will sich nicht in dieses starre Korsett zwängen lassen. Sie gründet keine Familie, entscheidet sich nicht für einen typischen Frauenberuf und hat keine Lust, acht Stunden am Tag auf der Arbeit zu verbringen.

Ihr Ziel: Sie will sich in einem Traumjob die reduzierte Arbeitszeit frei  einteilen können.

Regina realisiert ihre Vision. Ihr beruflicher Werdegang führt von einer Stelle als Sachbearbeiterin, über Positionen als Projektleiterin, als Gleichstellungsbeauftragte und als Personalleiterin bis hoch zur Geschäftsführerin eines Non-Profit-Netzwerkes von Personalern. Zwischendurch macht sie die Ausbildung zur Gärtnerin Garten- und Landschaftsbau und studiert Ökonomie. Regelmäßig beschäftigt sie sich im Beruf inhaltlich mit den Themen Mobilzeit und Jobsuche. Hierbei stellt sie Projekte auf die Beine, die vor allem Frauen dabei unterstützen, ihren Traumjob in Teilzeit in die Tat umzusetzen.

dsci0023Zeitungsausschnitt zum Projekt Penelope, das Frauen bei der Existenzgründung in Teilzeit unterstützt.  Regina gründet die Initiative in ihrer Zeit als Gleichstellungsbeauftragte in der Glinder Stadtverwaltung.

Mit ihrem Wunsch nach einer reduzierten und selbstbestimmten Arbeitszeit steht Regina Ende der 70er Jahre nicht alleine da. Auch andere Zeitgenossen wollen aus dem starren 8-Stunden-Arbeitstag ausbrechen. Michailow, Hörning und Gerhard, die 1990 ein Buch über diese Bewegung herausbringen, nennen die freiheitsliebenden Arbeiter die „Zeitpioniere„.

Zeitpioniere haben ihre verkürzte und selbst gewählte Arbeitszeit persönlich erkämpft. Mit der so gewonnen Zeit gehen sie sorgfältig um, sie wird nicht gleich wieder mit anderen Tätigkeiten ausgefüllt und fest verplant. Gerade dieser sorgfältige Umgang mit der Zeit zeichnet Zeitpioniere aus, indem er ihnen die Entwicklung eines eigenen Lebensstils ermöglicht. […] Zeitpioniere erkaufen sich ihre eigenwillige Arbeitszeitgestaltung oft mit Arbeitsverdichtung und mit geringeren Aufstiegschancen. Verkürzte und flexibilisierte Arbeitszeiten haben ein geringeres Einkommen zur Folge, aber sie führen bei den Zeitpionieren auch zu einem veränderten Umgang mit Zeit und Geld. Zeit steht für einen veränderten Lebensstil und für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung

Quelle: M. Michailow et. al.: Zeitpioniere: Flexible Arbeitszeit – neuer Lebensstil. Suhrkamp Verlag; Auflage: Erstausgabe (27. November 1990)

Wenn Du Dich für das Thema Zeitpioniere interessierst, findest Du hier das Buch „Zeitpioniere: Flexible Arbeitszeit – neuer Lebensstil“ und hier die Kurzfassung dazu.

Downshifting – Reginas Tipps für die Jobsuche

Egal ob Du auf der Suche nach einer Stelle bist, in der Du Teilzeit arbeiten kannst, oder ob Du Deinen aktuellen Arbeitgeber von einer Stundenreduzierung überzeugen willst – Regina hat hierzu viele hilfreiche Tipps gesammelt. Diese basieren auf ihren eigenen Erfahrungen als Downshifterin sowie auf Gesprächen und Interviews, die sie im Rahmen ihrer Diplomarbeit und bei Projekten zum Thema Teil- und Mobilzeit geführt hat. Zudem weiß sie von ihrer Zeit als Personalerin und Führungskraft, wie Du auch als Downshifter an Deinen Traumjob herankommen kannst.

Flexibel und wendig bleiben

Wenn Du weniger Stunden arbeiten möchtest, ist dies vielleicht nicht immer in Deiner aktuellen Position möglich. Bleiben Gespräche zur Arbeitszeitreduzierung mit Deinen Vorgesetzten erfolglos, dann gebe nicht auf und mache Dich auf die Suche nach anderen Möglichkeiten. Teilzeit ist vielleicht in Deiner Firma auf einer anderen Position möglich oder Du kannst Deinen Beruf in einem anderen Unternehmen in Teilzeit ausführen. Regina selbst wechselte beispielsweise innerhalb einer Firma von der Position als Sachbearbeiterin in die Telefon- und Fernschreibezentrale, um 25 Wochenstunden realisieren zu können.

Mobilzeit anstatt Teilzeit

Löse Dich von der Vorstellung, dass Du Deine Arbeitszeit immer auf den Vormittag legen kannst. Für viele Arbeitgeber sind Mitarbeiter, die ausschließlich von „8:00 bis 14:00 Uhr“ im Haus sind, nicht attraktiv. Mehr Chancen auf einen Teilzeitvertrag hast Du, wenn Du Dich flexibler aufstellst. Erkläre, dass Du Deine Arbeitszeit passend zu wichtigen Meetings, Abgabeterminen oder Kundenbesuchen variieren kannst – also zum Beispiel auch hin und wieder von 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr da bist. Verdeutliche, dass Du bereit bist, in Projektstoßzeiten mehr zu arbeiten und die Überstunden im Anschluss freinimmst. Dies funktioniert am besten mit einem Zeiterfassungssystem.

Diese Flexibilität ist für Eltern nicht immer einfach, vor  allem wenn die Kita oder der Hort nachmittags irgendwann schließen. Aber auch hier kann die sogenannte Mobilzeit helfen. Du musst vielleicht Punkt 13:00 Uhr aus dem Büro, bist aber bereit, noch zwei Stunden Deiner Teilzeit in den Abendstunden von zu Hause aus zu erledigen. Überzeuge Deinen Arbeitgeber davon, dass es Dir nicht darauf ankommt, nach Mittag den Stift fallen zu lassen, sondern dass Du Deine Zeit freier einteilen möchtest.

Gebe nicht auf, wenn es schwierig ist

Auch unter widrigen Umständen, solltest Du nicht so schnell aufgeben. Vielleicht kannst Du Dich Deinem Traumarbeitsverhältnis Schritt für Schritt annähern. Regina hat hierzu Frauen aus der ehemaligen DDR interviewt, die nach der Wende arbeitslos waren. Folgendes hat ihnen geholfen, ihre beruflichen Ziele trotz einer scheinbar hoffnungslosen Situation zu erreichen:

  • Du findest keine Stelle in Deiner Traumbranche? Wenn möglich, engagiere Dich erst einmal ehrenamtlich in diesem Bereich. So sammelst Du branchenrelevante Erfahrung und knüpfst erste Kontakte. Hieraus können Jobangebote entstehen. Regina engagierte sich beispielsweise in ihrem Netzwerk für Personaler in der ersten Zeit ehrenamtlich. Aus Überzeugung und Freude an ihrer Tätigkeit entwickelte sie das kleine Netzwerk weiter. Als die bisherige Geschäftsführerin ausschied,  wurde sie als Geschäftsführerin bestellt.  Ihr Engagement hat sich gelohnt.
  • Eigne Dir in Eigeninitiative über Weiterbildungen oder „Learning by Doing“ Kenntnisse an, die Du in Deiner Traumbranche benötigst.
  • Passe Deine Ziele bezüglich der Arbeitsinhalte, -bedingungen oder –beziehungen an, wenn diese aktuell nicht erreichbar sind. Wenn Du beispielsweise 20 Stunden als Projektleiterin arbeiten willst und Du keine Stelle findest, dann nimm erst einmal die 25-Wochenstunden-Stelle als Projektassistenz. Stellt das Unternehmen aktuell keine Leute ein, arbeite als Freelancer. Im Anschluss verfolgst Du weiter Dein Ziel. Wichtig ist, dass Du erst einmal einen Fuß in der Tür hast.

Initiativbewerbung statt Stellenausschreibungen

Regina hält nicht so viel davon, sich auf Stellenausschreibungen zu bewerben. Die beste Chance auf den wirklichen Traumjob in Teilzeit bietet, ihrer Meinung nach, die Initiativbewerbung. Hierfür überlegst Du im Vorfeld detailliert was und unter welchen Arbeitsbedingungen Du arbeiten willst. Wofür brennst Du? Worin gehst Du auf? Bei welcher Tätigkeit vergisst Du die Zeit? Wie viele Stunden willst Du in Deinem neuen Job arbeiten? Nachdem Du Dir darüber klar geworden bist, was Du anbieten kannst, wechselt Du von Deiner Sicht als Arbeitnehmer in die Sicht des Arbeitgebers! Welcher Arbeitgeber profitiert von genau Deinem Angebot? Wer sollte Dich unbedingt einstellen, um erfolgreicher zu sein und warum? Es ist nicht ganz einfach, alleine sein passendes Puzzleteil zu finden. Hierbei kann Dir ein gutes Netzwerk helfen. Diskutiere beispielsweise innerhalb Deines Berufsverbandes, welcher Arbeitgeber zu Dir und Deinem Angebot passen könnte. Laut Regina erleben Personaler ein derartiges Engagement selten und sind meist begeistert über ein solches Interesse am Unternehmen. Sind sie erst einmal von Deinen Fähigkeiten überzeugt, lässt sich die Teilzeit leicht verhandeln.

Tipps für Downshifter in leitenden Positionen

Auch als Geschäftsführerin und in anderen leitenden Positionen mit viel Verantwortung hat Regina stets Teilzeit gearbeitet. Wie hat sie das gemacht? „Wenn mein Arbeitspensum nicht in 25 Stunden zu stemmen war, habe ich anstatt um eine Stundenerhöhung um Assistenzkräfte gebeten. Meine Mitarbeiter, die dann ebenfalls in Teilzeit gearbeitet haben, durfte ich mir meistens selbst aussuchen. So konnte ich einen Teil meiner Aufgaben delegieren und die gemeinsame Arbeit machte einfach auch mehr Freude.“

Und wie findet man überhaupt ein Unternehmen, das eine Teilzeitführungskraft einstellt? „Ganz einfach!“, meint Regina. Wähle ein kleines Unternehmen, einen kleinen Verein, Verband oder eine Stiftung, die eine Führungskraft in Deinem Bereich braucht – aber aufgrund der Größe des Unternehmens eben nicht ganztags.

Für weitere Infos zur Traumjobsuche empfiehlt Regina den Bestseller „What colour is your parachute? A Practical Manual for Job-Hunters and Career-Changers„. Regina empfiehlt bewusst die Ausgabe von 2006.

Hast Du noch weitere Tipps, die Dir geholfen haben, Dein Traumarbeitsverhältnis zu ergattern? Schreibe diese gerne in die Kommentare.

Regina im Internet

Nach einem erfolgreichen Berufsleben, hat Regina nun beschlossen, früher in Rente zu gehen. Ihre neu gewonnene Zeit widmet sie den Themen Selbstversorgung und Subsistenzwirtschaft. Sie lebt in einer ländlichen Gemeinde, bewirtschaftet ihren großen Garten und tauscht mit ihren Nachbarn Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs. Hierüber schreibt sie als Co-Autorin auf dem Blog Landidylle unter dem Namen baumfrau. Schaue dort unbedingt mal vorbei! Zudem empfiehlt Regina ein Selbstversorger-Forum, in dem interessante Tipps ausgetauscht werden.

Liebe Regina, herzlichen Dank für das spannende Interview und die vielen wertvollen Informationen! Ich wünsche Dir viel Erfolg bei all den kommenden Projekten, die Du planst! Ich freue mich, von Dir zu hören und zu lesen.

Du willst ein weiteres Interview zum Thema Downshifting lesen? 

Downshifting-Interview 1: Eva schafft Platz für ihre Projekte

3 Gedanken zu “Downshifting-Erfahrung 2: Wie Du den passenden Job findest. Interview mit Regina

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