Downshifting-Erfahrung 1: Eva schafft Platz für ihre Projekte

Weniger arbeiten – mehr Freiraum für eigene Projekte. Eva (29) setzt den Traum vom beruflichen Downshifting seit 2011 tatsächlich um. Die gelernte Physiotherapeutin reduzierte ihre Arbeitszeit von 38 auf 35 und dann auf 25 Wochenstunden. Seither hat sie genügend Raum für ihre Herzensprojekte: die freiberufliche Tätigkeit als Kräuterpädagogin und Heilpraktikerin sowie das Ehrenamt beim Deutschen Rollstuhl-Sportverband. In diesem Interview berichtet Eva, wie sie ihre Pläne umgesetzt hat und wie sie mit weniger Geld zurechtkommt.

Schritt für Schritt in Richtung Freiraum

Seit 2010 arbeitet Eva als fest angestellte Physiotherapeutin in einer Praxis. Hierbei macht sie eine Erfahrung, die ihre Lebenseinstellung stark beeinflussen wird: Täglich behandelt und spricht sie mit Rentnern und Rentnerinnen. Viele von ihnen haben in jungen Jahren hart gearbeitet und zurückgesteckt, um im Alter sorgenfrei und glücklich leben zu können. Krankheit oder chronische Schmerzen machen ihnen seit dem Ruhestand allerdings einen Strich durch die Rechnung. Das Schicksal dieser Patienten vor Augen beschließt Eva bald: „Alles, bloß das nicht!“ Das Leben auf die Zeit nach der Rente zu verschieben, kommt für sie nicht infrage. Sie will jetzt ihre Träume verwirklichen, solange sie jung und gesund ist. 2011 reduziert Eva ihre Arbeitszeit deshalb erst einmal vorsichtig von 38 auf 35 Wochenstunden. Sie gewinnt Zeit und startet die Ausbildung zur Heilpraktikerin. Gleichzeitig erfüllte sich Eva einen zweiten Wunsch: Ehrenamtlich begleitet sie Projekte für den Deutschen Rollstuhl-Sportverband.

Richtig zufrieden ist Eva mit der Situation trotzdem noch nicht. Mit immerhin noch 35 Wochenstunden in Festanstellung, der Ausbildung zur Heilpraktikerin und ihrem Ehrenamt ist sie zeitlich mehr als ausgelastet. Häufig muss sie spannende Projekte mit Rollstuhlfahrern ablehnen. Von dieser Situation frustriert, wagt es Eva, ihre Arbeitszeit weiter zu reduzieren. Bei einem Wechsel in eine neue Physiotherapiepraxis verhandelt sie einen Arbeitsvertrag mit 25 Wochenstunden. Eva ist glücklich, endlich bietet ihr Alltag den nötigen Raum für ihre Selbstverwirklichung.

Downshifting und die Finanzen

Als Physiotherapeutin verdiene sie sich keine goldene Nase, berichtet Eva. Trotzdem kommt sie mit ihrem Teilzeitgehalt gut über die Runden. Wie macht sie das?

Eva ist es wichtig, dass sie ihre Grundkosten mit ihrem Gehalt als Physiotherapeutin abdecken kann. Hierzu zählt sie die Kosten für Versicherungen, für Lebensmittel und Kleidung, für ihr kleines Auto sowie die Wohnkosten. Um sich darüber hinaus etwas „Luxus“ leisten zu können, arbeitet Eva inzwischen freiberuflich als Heilpraktikerin und Kräuterpädagogin. Vor allem die Tätigkeit als Kräuterpädagogin erfüllt sie mit großer Freude. Fasziniert vom alten Wissen rund um essbare und heilende Kräuter, organisiert sie Workshops, in denen sie ihr Know-how weitergibt. Mit einer Leidenschaft stockt sie so ihre Einnahmen auf.

Seit dem Downshifting reflektiert Eva regelmäßig ihr Konsumverhalten. Sie überlegt genau, was sie wirklich braucht und auf was sie verzichten kann. Freie Zeit ist ihr lieber, als jeden Monat neue Kleider oder Kosmetik im Schrank. Eva ist davon überzeugt, dass das Konsumverlangen stark nachlässt, wenn man sich keine Werbung mehr ansieht. Dass sie sich fast nie etwas kauft, empfindet Eva nicht als Sparen oder Verzichten, sondern als Normalzustand. Sie hat sich ihr Leben jenseits des Werbe-und Konsumterrors eingerichtet und spürt eine tiefe Zufriedenheit. Ein großer Fan ist Eva vom Lebensmittelretten mit Foodsharing e. V., Reparieren und Upcycling von Gegenständen und Geräten, vom Einkaufen in Secondhandläden, von öffentlichen Bücherschränken und von Minimalismus. Ihren Freunden und Verwandten schenkt Eva lieber ihre Zeit anstatt Geld.  Zukünftig will Eva einen Nutzgarten mit Obst und Gemüse bewirtschaften, um noch weniger einkaufen zu müssen. „Im Garten zu arbeiten, ist einfach schön!“, schwärmt Eva. „Mit einer Vollzeitstelle hätte ich dafür keine Zeit!“

Momentan gibt Eva so wenig Geld aus, dass sie darüber nachdenkt, ihre Arbeitszeit auf 20 Wochenstunden zu reduzieren. Auf der anderen Seite fühlt sie sich sicherer, wenn sie, wie jetzt mit 25 Wochenstunden, etwas Geld sparen kann.

Tipp von Katrin: Wie viel Geld Du persönlich benötigst, kannst Du mit einem Haushaltsbuch herausfinden. Ein schönes kostenfreies Download findest Du auf dem Blog SchaumImOhr.

Was hat Eva durch Downshifting gewonnen?

Seit Eva nur noch 25 Wochenstunden in ihrer Festanstellung arbeitet, hat sie viel Zeit für ihre persönlichen Projekte, die sie erfüllen und glücklich machen. Diese Freiheit ist für Eva mehr wert als ein hohes Gehalt. Wieder Vollzeit als Physiotherapeutin zu arbeiten, das kann sie sich zurzeit nicht vorstellen. Auch wenn ihr beim Downshiften klar geworden ist, dass sie diesen Beruf ebenfalls sehr schätzt. Nicht nur weil dieser ihre Haupteinnahmequelle ist, sondern auch weil sie gerne mit ihren Kollegen und ihren Patienten zusammen ist. Evas Einschätzung: „Ein bisschen müssen, tut mir auch ganz gut!“ Die Festanstellung gibt ihrem Alltag den Rahmen und die Struktur, mit denen sie sich wohlfühlt.

Unerfüllte Hoffnungen und Probleme

Auf die Frage, welche Hoffnungen sich durch Downshifting für sie nicht erfüllt haben, weiß Eva sofort eine Antwort. Mehr Auszeit für sich, in der sie nichts zu tun hat, gibt es in ihrem neuen Leben immer noch nicht. Auch wenn sie in der Kombination von Festanstellung, Freiberuflichkeit und Ehrenamt aufgeht, fühlt sie sich ab und zu gestresst. Selbst Herzensprojekte können Druck verursachen. Dann wünscht sich Eva mehr Ruhe und geregeltere Arbeitszeiten.

Sorgen macht sich Eva beim Thema Kinderwunsch. „Wenn ich mit einem Elterngeld von 67 % meines jetzigen Nettogehaltes auskommen muss, wird es haarig.“ Aber auch das ist irgendwie zu schaffen, ist sich Eva sicher. Schließlich muss sie auch mit Nachwuchs nicht in einen Konsumrausch verfallen und alles kaufen, was die Baby- und Kinderindustrie bewirbt.

Evas Tipps für erfolgreiches Downshifting

Aus ihrer Erfahrung heraus gibt Eva allen Downshifting-Interessierten folgende Anregungen mit auf den Weg*:

Glaube an Dich selbst und glaube an die Welt. Glaube daran, dass Du Deine Wünsche in die Realität umsetzen kannst. Eva hat es auf ihrem Weg immer wieder neu motiviert, ihr Traumleben in Gedanken genau zu visualisieren.

Allen, die sich nicht sicher sind, ob Downshifting das Richtige für sie ist, rät Eva eine schrittweise Vorgehensweise. Die Arbeitszeit kann beispielsweise erst einmal um fünf Wochenstunden reduziert werden, bevor weiter geplant wird. Eva selbst hat es ein sicheres Gefühl gegeben, zu wissen, dass sie jederzeit wieder Vollzeit arbeiten kann.

Tipp von Katrin: Welche Arbeitszeitmodelle möglich sind, muss jeder persönlich mit seinem Arbeitgeber klären. Eventuell interessant hierzu ist diese Broschüre vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Fazit

Evas Erfahrung zeigt, dass Downshifting im Beruf nicht zwangsläufig zu mehr Ruhe oder Freizeit führt. Eva nutzt ihre neu gewonnene Zeit für ihre freiberuflichen und ehrenamtlichen Herzensprojekte. Das Resultat: Ein schöner Mix an Tätigkeiten, bei denen sie alle ihre Talente einbringen kann. Eva hat nicht das Gefühl, arbeiten zu MÜSSEN. Sie DARF arbeiten. Um dieses Lebensgefühl wird sie sicherlich von vielen Menschen sehr beneidet.
Es ist nicht notwendig, von heute auf morgen das Leben komplett umzukrempeln. Eine schrittweise Vorgehensweise in Richtung Downshifting kann Sicherheit geben und Raum für Erfahrungen und Experimente bieten.

Liebe Eva, ich wünsche Dir alles Liebe und Gute für Deinen weiteren Weg. Vielen Dank, dass Du Deine Erfahrung mit mir und den Brombeerhecke-Lesern teilst!

Weitere Downshifter kommen auf Brombeerhecke in den nächsten Tagen und Wochen zu Wort! Mit dabei ist unter anderem Anke, die dem Filmbusiness den Rücken gekehrt hat und jetzt alte Menschen durch den Alltag begleitet. Regina, die sich als Zeitpionierin seit den 80er Jahren mit dem Thema Teil- und Mobilzeit befasst, hat interessante Tipps, wie Du Dich Deinem Traumarbeitsverhältnis annähern kannst. Verpasse keinen Beitrag und trage Dich in den Brombeerhecke-Newsletter ein oder folge Brombeerhecke auf FacebookInstagram oder Twitter!

Quelle Beitragsbild: Eva

8 Gedanken zu “Downshifting-Erfahrung 1: Eva schafft Platz für ihre Projekte

    • Steinel Uwe schreibt:

      Also ich finde es wichtig das Ganze gut vorzubereiten. Wie hoch sind meine aktuellen Ausgaben, diese Augaben zu priorisieren. Dann ergibt sic irgenwann ein Potential, um das man ggf. seine Arbeitszeit reduzieren kann. Ich finde auch den Aspekt Arbeitslosigkeit interessant. Werde ich arbeitslos, so beträgt mein Einkommen nur noch 60 % des vorherigen Einkommens. Auch das könnte man berücksichtigen. Das Allerwichtigste ist aber meiner Meinung nach eine genaue Datenanalyse

      Gefällt 2 Personen

  1. aurelia schreibt:

    Sehr interessante Einblicke, besonders der Aspekt das auch mit Arbeitszeitreduzierung Stressgefühl auftreten kann, weil eben in der freien Zeit viele Herzensprojekte stattfinden und man eigentlich genauso wenig Zeit hat wie mit Vollzeitarbeit. Ich denke aber das dieser Stress wohl eher positiv gesehen wird als Stress der durch nervige Arbeit entsteht.
    Bin sehr gespannt auf die weiteren Beiträge.
    Lg Aurelia

    Gefällt 2 Personen

    • Eva Lissek schreibt:

      Danke für deinen Kommentar!
      Er ist in dem Moment für mich schon auch „negativ“, aber die Grundspannung ist einfach anders, weil du weißt, dass du es dir selbst zuzuschreiben hast. Mit dem Wissen und Gefühl im Hintergrund überstehe ich diese Phasen dann gut und versuche eben auch draus zu lernen. Zum Beispiel nicht mehr ein halbes Jahr im voraus jedes zweite Wochenende zu verplanen.
      Grüße, Eva

      Gefällt 2 Personen

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