Simplifying childhood – Inspiration vom Raisedgood-Blog

Es ist einfach, für sich selbst die Entscheidung zu treffen, mit weniger auszukommen. Schwieriger kann es sein, diese Entscheidung auf andere Familienmitglieder auszuweiten. Da ich Mama von einer kleinen Tochter bin, habe ich in letzter Zeit viel über das Thema „Minimalismus und Elternschaft“ gelesen. Von einem besonders interessanten Beitrag vom Blog „Raisedgood. Natural parenting“ berichte ich hier.

Tracy Gillet von Raisedgood schreibt in ihrem Beitrag „Simplifying childhood may protect against mental health issues“ über das Buch „Simplicity Parenting“ von Kim John Payne. Der Autor ist davon überzeugt, dass eine einfach gehaltene Kindheit ohne materiellen Überfluss, ohne volle Terminkalender und ohne Informationsstress vor psychischen Erkrankungen schützen kann. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen, finde aber die Zusammenfassung von Tracy Gillet bemerkenswert. Hier gebe ich ihren Artikel in meinen Worten wieder und ergänze ihn um eigene Gedanken. Tracys Originalartikel ist oben verlinkt.

Kindheit heute: zu viel, zu schnell, zu stressig

Payne, der als Erziehungsberater mit Familien zusammenarbeitet, machte in seiner Praxis die Beobachtung, dass viele Kinder heute nervös, hyperaktiv und ängstlich sind. Sie weisen somit Symptome auf, wie Kinder mit durch Krieg verursachten posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Ursache für das auffällige Verhalten sieht Payne in der modernen, vom Überfluss geprägten Kindheit. Er nennt vier wesentliche Säulen des Überflusses, denen schon die Kleinsten ausgesetzt sind:

  • zu viele Spielsachen = zu viele Auswahlmöglichkeiten
  • zu viele Aktivitäten und Termine
  • zu viele Informationen
  • zu viel Geschwindigkeit

Das kindliche unausgereifte Gehirn kann laut Payne mit diesem Stress überfordert sein und auf das „Zu viel“ mit psychischen Erkrankungen, wie ADHS, reagieren.

Payne rät Eltern deshalb, den Alltag von Kindern zu entschleunigen, aufzulockern und von zu viel Spielzeug und Büchern zu befreien.

Zu viele Termine, zu wenig selbstbestimmte Auszeit

Neben Kita oder Schule ist es inzwischen üblich, dass ein Kind ein oder sogar mehrere Kurse besucht. Auch wir haben schon einiges ausprobiert. Innerhalb der ersten vier Jahre haben wir hintereinander PEKIP, Babyschwimmen, den spanischen Spielkreis, die Sing- und Tanzgruppe, Kinderturnen, Kinderkirche und den Schwimmkurs besucht. Bis auf das Schwimmen haben wir alles schnell wieder abgebrochen. Unsere Kleine hat sich bei jedem Kurs nach kurzer Zeit geweigert, weiter hinzugehen. Sie hat mein absolutes Verständnis. Nach sieben bis acht Stunden in der Kita würde ich auch meine Ruhe wollen. Ich akzeptiere ihre Entscheidung. Im letzten halben Jahr sind wir nach der Kita einfach auf den Spielplatz, in den Park oder nach Hause. Und damit geht es uns bestens. Meine Tochter kann stundenlang völlig selbstversunken mit einem Stock Eis aus einer Pfütze kratzen und ich muss nicht von Kurs zu Kurs hetzen. Den Nächsten buche ich erst, wenn die Kleine von sich selbst aus Interesse anmeldet.

Was Payne dazu sagt: Kinder brauchen ausreichend Auszeiten, um sich zu erholen, die Welt in ihrem eigenen Tempo zu entdecken und ungestört zu spielen. Erst in der Leere und auch in der Langeweile entwickeln Kinder ihre Kreativität und autodidaktisches Lernen. Kurse schaden der Entwicklung nicht, aber ein Mangel an freier Zeit tut genau dies. Er empfiehlt deshalb, dass ein Kind nicht mit Kursen und Verabredungen überfrachtet wird.

Ich erinnere mich so gerne an meine endlosen Kindersommer. Meine Schwester und ich waren oft drei Wochen bei meiner Oma in einer verschlafenen Kleinstadt im Schwarzwald. Termine gab es nicht. Meine Spielsachen waren zu Hause. Wir fuhren stundenlang zu zweit auf einem alten Fahrrad durch die Straßen. Wir spielten tagelang im Wald und am Bach oder erkundeten den Dachboden meiner Großeltern. Wir hatten haufenweise unbeaufsichtigte Auszeit und es war herrlich.

Zu viel Aufmerksamkeit

Was mich sehr beschäftigt: Meine Tochter genießt nicht die Freiheit, die ich als Kind hatte. Ständig wird sie von meinem Mann oder von mir beaufsichtigt. Und damit sind wir Mainstream. Nachdem wir unser Kind von der betreuten Kita abgeholt haben, bringen wir es, genau wie die anderen Eltern, zum Spielplatz oder in den Park. Dort spielen die Kinder umringt von Erwachsenen. Es vergeht keine Minute, ohne dass den Kindern reingequatscht wird: Klettert nicht so hoch! Leg den Stock weg! Teilt euer Spielzeug, bla, bla, bla! Puh!

Ganz anders sah meine Kindheit aus: Nach der Kita oder Schule zogen meine Freunde und ich ohne Aufpasser los und es gab nur eine Regel: „Wenn es dunkel wird, kommst du heim.“ Wir bauten Hütten und Staudämme im Wald, wir sausten mit den Rollschuhen oder Fahrrädern durch die Gegend. Wir ritten mit den Pferden aus. Wir lachten, stritten und versöhnten uns wieder. Wir entschieden selbst, wie hoch wir klettern und worauf wir balancieren wollten. Eine Kindheit, ein bisschen wie bei Ronja Räubertochter mit dem Motto „Her mit den Gefahren!“ Ich habe es überlebt und ich würde niemals mit einem Kind heutzutage tauschen wollen!

Dass meine Tochter diese Freiheit momentan nicht hat, schmerzt mich wahnsinnig. Aber: Mein subjektives Sicherheitsempfinden geht hier in Berlin gegen 0. Die Eltern in unserem Umkreis sehen das genauso. Selbst in meinem kleinen Heimatdorf lässt niemand mehr Kinder alleine durch die Gegend ziehen. Ob das berechtigt ist? Ob die Welt wirklich so viel gefährlicher geworden ist? Ich weiß es nicht.

Zu viel Spielzeug

Kinderzimmer quellen heutzutage meist über. Eltern, Verwandte und Bekannte schenken zu jeder Gelegenheit, um Kinder glücklich zu machen. Leider hat dieser Überfluss laut Payne einen gegenteiligen Effekt. Zu viele Spielzeug kann dazu führen, dass das Kind bei der Auswahl in Stress gerät und sich nicht entscheiden kann. Zudem erschwert die Fülle, dass das Kind in den Flow kommt und sich in ein Spiel vertieft. Hierzu würde mich interessieren, wie viel Spielzeug zu viel ist? Bei meiner Tochter fällt mir auf, dass etwa zwei Drittel ihres Zeugs unbespielt herumliegt. Dies hat mich dazu veranlasst, nur noch das aktiv bespielten Sachen im Kinderzimmer zu stationieren und den Rest wegzuräumen. Erst wenn die Kleine aktiv nach etwas fragt, hole ich das gewünschte Teil wieder hervor. Das erspart uns nicht nur den Auswahlstress, sondern auch den Aufräumstress. Es klappt sehr gut.

Interessant finde ich auch, dass ich meiner Tochter immer dieselben Bücher vorlesen muss. Fünf Tage hintereinander „Conni hat Geburtstag“ gefolgt von zwei Wochen lang „Der Bär feiert Weihnachten“ (auch im Hochsommer). Seit ich Payne kenne, lasse ich mich darauf ein und dränge ihr keine neuen Bücher auf. Wahrscheinlich ist es für sie sehr entspannend, wenn sie den Ausgang einer Geschichte schon kennt.

Zu viele Information

Payne rät Eltern und Erziehern davon ab, Kinder wie kleine Erwachsene zu behandeln. Viele Informationen und Emotionen von Erwachsenen können Kinder nicht gut verarbeiten. Tracy Gillet schreibt hierzu, dass ihre Familie Gespräche über den Klimawandel oder über Terroranschläge am Esstisch vermeidet. Nachrichten schaut sie erst, nachdem die Kinder im Bett sind. Vor allem Letzteres klingt logisch. Auf der anderen Seite habe ich aber auch schon gehört, dass Kinder sowieso jede Stimmung spüren und darunter leiden, wenn wir ihnen Informationen verschweigen.

Ich selbst habe mir vorgenommen, nicht mehr so viel über Umweltzerstörung beim Abendessen zu reden. Damit warte ich jetzt, bis mein Kind im Bett ist, und quäle dann meinen Mann damit.

Mein Fazit

Aus dem Beitrag von Gillet habe ich Folgendes mitgenommen:

  • Wenig Spielzeug hilft einem Kind, sich ungestört in ein Spiel zu vertiefen
  • Tägliche Auszeiten sind wichtig für die Entspannung
  • Nicht nur durch Förderung, sonder auch in der Leere und Langeweile entwickeln Kinder ihr Potenzial
  • Kleine Kinder müssen noch nicht alles wissen. Von Terror, Umweltzerstörung und Welthunger erfahren sie noch früh genug.
  • Am Spielplatzrand und auch zu Hause halte ich mich möglichst oft raus und lass meine Tochter machen. Ich will kein Helikopter sein!

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