Minimalismus Nebenwirkung – Zu viel Raum für schlechte Laune?

Seit Wochen minimalisiere ich, was das Zeug hält. Vom nicht getragenen Pullover bis zum ungeliebten Job ist alles aus meinem Leben geflogen. Und was passiert? Nach einer langen Phase der Euphorie habe ich plötzlich auch viel Raum und Zeit für meine alten Bekannten Weltschmerz und Muffellaune. Unter „normalen“ Umständen würde ich diese negativen Emotionen mit viel Arbeit und Konsum betäuben. Minimalismus, was nun?

Vor der möglichen Minimalismus-Nebenwirkung: „Derbe auf sich selbst zurückfallen“ hat mich keiner gewarnt. Beim Blick in andere Minimalismus Blogs und Vlogs finde ich hierzu in der ersten Recherche nichts. Die meisten scheinen höchst zufrieden. Leben vom Verkauf von E-Books, wandern aus oder sonnen sich am Strand.

Ich sitze gerade gelangweilt und melancholisch auf dem Sofa. Nichts lenkt mich davon ab: Es gibt kaum mehr etwas zum Ausräumen, es gibt nichts zu reparieren, ich will nicht lesen, es ist zu kalt, um mit dem Bepflanzen des Balkons zu starten, Jobsuche und Selbstständigkeit verlaufen zäh.

Zuerst wollte ich deshalb einen großen Beitrag schreiben mit dem Titel: SCHLECHTE LAUNE MINIMALISIEREN – 10 grandiose Tipps!!!

Aber nach einigem Nachdenken habe ich mich dagegen entschieden. Erstens kenne ich diese Tipps nicht. Zweitens kam mir der Gedanke, dass schlechte Laune und Weltschmerz angesichts der Weltlage auch mal ganz angebracht sind. Drittens meine Langeweile ist ein Luxusproblem. In ein paar Wochen oder Monaten werde ich wieder arbeiten und mich nach Freiraum sehnen.

Und bis dahin werde ich üben, negative Gefühlsmischungen auszuhalten. Ich werde nichts einkaufen, kein neues Hobby oder Ehrenamt suchen, mich nicht zwanghaft ablenken. Vielleicht landet hier jeder bei einer Minimalismus-Journey. Vielleicht geht die Reise hier erst richtig los. Mal schauen was passiert.

Ich mag diesen Textauszug der kanadischen Schriftstellerin Oriah Mountain Dreamer:

Ich möchte wissen, ob Du dasitzen kannst mit Schmerz
– meinem oder Deinem eigenen –
ohne irgendeine Bewegung der Ausflucht,
ohne den Schmerz zu verbergen, ohne ihn verschwinden zu lassen, ohne ihn festzuhalten.

 

 

 

9 Gedanken zu “Minimalismus Nebenwirkung – Zu viel Raum für schlechte Laune?

  1. David schreibt:

    Kann ich gut verstehen. Ich habe es längst nicht so konsequent umgesetzt. Genaugenommen habe ich vor allem Zeug entfernt das eh weg sollte und mir eine Konsumsperre auferlegt. Aber man merkt es schon, wenn der betäubende Aspekt von Besitz und Konsum wegfällt. Darauf muss man vorbereitet sein. Gerade der Winter ist in einer zu kahlen Wohnung sicher noch kälter.

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    • Brombeerhecke schreibt:

      Hallo David. Kahl würde ich unsere Wohnung nicht nennen. Gestern habe ich eine Dokumentation über Minimalismus in Japan gesehen… dagegen ist unsere Wohnung übervoll. 🙂 Nur unser Besuch ist manchmal erstaunt, weil keine Bilder an den Wänden hängen und kaum Deko rumsteht. Weiße Wände und leere Flächen sind für viele ungewohnt. Frieren müssen wir nicht, haben ja ne Heizung 🙂 Wie du so schön geschrieben hast: Winter – so what?! 🙂

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    • Brombeerhecke schreibt:

      …Fortsetzung… auf jeden Fall werde ich mir gerade so richtig bewusst wie betäubend Einkaufen sein kann. Früher war ich einkaufen um mich zu entspannen, jetzt könnte ich aus Langeweile einkaufen … Ich habe hierzu noch einen interessanten Textausschnitt von Jost Nowak gefunden „Mitglieder unserer Gesellschaft werden heute vor allem im Rahmen einer leistungsorientierten, kapitalistischen Marktwirtschaft sozialisiert. Das heißt, sie verinnerlichen durch die Interaktion mit ihren Eltern (die natürlich auch gesellschaftlich geprägt wurden) und anderen Institutionen Lebensansätze wie “stetiges Wachstum” oder “mehr ist besser”. Konsum wird zum entscheidenden Element zur (Schein?-)Befriedigung von Bedürfnissen und zur Definition der eigenen Identität, zum Definitionsparadigma des eigenen Status innerhalb der Gesellschaft.“
      Link: http://blog.jn-therapie.de/von-sinn-und-zweck-stress-und-langeweile-teil-1/

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  2. Philipp schreibt:

    Hey,

    toller Beitrag! Ich hatte viel Spaß beim Lesen, danke dafür!

    Langeweile kenne ich gar nicht mehr. Ein grandioses Beispiel dafür, wie wir verlernt haben, einfach mal nichts zu tun und die Zeit nur mit uns selbst auszuhalten.

    Alles Liebe,
    Philipp

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    • Brombeerhecke schreibt:

      Hallo! Schlechte Laune so selbstverständlich wie Gravitation? Ich hoffe nicht! Es hängt wahrscheinlich sehr vom persönlichen Naturell und von der persönlichen Historie ab! Hast Du denn tatsächlich ein Buch geschrieben, ein Video gedreht und Musik komponiert in der Konsumauszeit? Stellst Du Deine Werke in Deinem Blog bald vor? Einen schönen 4. Advent!

      Gefällt 1 Person

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