Wie will ich leben? Ideen rund um Postwachstum und Degrowth

Seit Monaten beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich die verbleibenden Jahre meines Lebens gestalten will. Was will ich arbeiten? Wie will ich leben? Möchte ich weiterhin einen Großteil meiner Lebenszeit im Büro verbringen, um mir möglichst viele Konsumgüter leisten zu können? Bei diesen Überlegungen bin ich auf den Experten für Postwachstumsökonomie Prof. Dr. Nico Paech gestoßen. Er skizziert ein Lebensmodell, das unabhängiger vom aktuellen Wirtschaftssystem machen und zu größerer Zufriedenheit führen soll. Die #Konsumauszeit 2016 hat mich angeregt, mich mit diesem Modell wieder intensiver zu beschäftigen.

Postwachstum / Degrowth – was ist das?

Postwachstum oder auch Degrowth beschreibt ein Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, das für das Wohlergehen aller sorgt, ohne dabei unseren Lebensraum zu zerstören. Quelle: www.degrowth.de.  Im Gegensatz hierzu ist unser aktuelles Wirtschaftssystem auf ständiges Wachstum angewiesen, um für Wohlstand zu sorgen.

Warum brauchen wir eine Alternative zum Wirtschaftswachstum?

Die Gründe, die für den Stopp des Wirtschaftswachstums sprechen, sind laut der Anhänger der Postwachstumsökonomie zahlreich. Einige davon findest Du hier:

  • Unser Planet verfügt über begrenzte Ressourcen. Beispiele hierfür sind Erdöl, aber auch Ackerland, Wälder, Mineralien oder Fischgründe. Die ständig wachsende Produktion von Gütern wird schon bald an ihre natürlichen Grenzen stoßen.
  • Die Umweltzerstörung schreitet verheerend voran. Wirtschaftswachstum beschleunigt die Zerstörung unseres Ökosystems. Bisher gibt es keinen Nachweis, dass Wachstum auch nachhaltig und umweltverträglich funktionieren kann.
  • Wir produzieren schon jetzt mehr Güter, als wir konsumieren können. Unsere Wohnungen sind vollgestopft mit Dingen, die kein Mensch wirklich braucht und die uns nicht glücklich machen. Vieles davon wandert schnell auf die wachsenden Müllberge.
  • Immer mehr Menschen fühlen sich vom „höher, schneller, weiter“ überfordert und erleben einen Burn-out. Nicht nur die Natur, auch der Mensch verkraftet Wirtschaftswachstum nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Quelle: www.postwachstumsoekonomie.de

Warum stoppen wir nicht einfach das Wirtschaftswachstum?

Anhänger des Wirtschaftswachstums argumentieren, dass weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst oder schrumpft. In unserem System, in dem die Menschen darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen und dieses gegen lebensnotwendige Güter einzutauschen, sei dies fatal. Das ist meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen. Die meisten, mich mit eingenommen, produzieren nichts mehr selbst und sind somit absolut abhängig von Geld und unserem Wirtschaftssystem.

Degrowth ist also nicht von heute auf morgen möglich. Hierfür muss Schritt für Schritt ein Wandel in unserer Gesellschaft stattfinden. Neue Wirtschafts- und Lebensmodelle müssen erprobt werden. Am besten wir fangen schon mal an …

Arbeitszeitverkürzung kombiniert mit Selbstversorgung

Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma schlägt Nico Paech vor. Sein Lebensmodell für die Postwachstumsgesellschaft setzt auf Arbeitszeitverkürzung und Selbstversorgung. Unsere Arbeitszeit wird hierbei in monetarisierte und entmonetarisierte Arbeit eingeteilt:

  • Die monetarisierte Arbeitszeit (Lohnarbeit) wird von den heute üblichen 40 Stunden pro Woche auf 20 gekürzt.
  • Die verbleibenden 20 Stunden werden für Selbstversorgung genutzt. Hierzu zählen beispielsweise der Anbau von eigenem Obst und Gemüse sowie das Reparieren und Instandhalten von Gegenständen. Auch die Herstellung von Gütern für den eigenen Bedarf kann dazu gezählt werden. Durch die teilweise Selbstversorgung reduzieren wir unseren Konsum und kommen mit dem Gehalt der verkürzten Lohnarbeit aus (bei einfacher Lebensweise).

Quelle: Wikipedia Nico Paech

Ich bin sehr angetan von diesem Lebensmodell! Warum? Ich habe wenig Spaß daran, acht oder mehr Stunden am Tag im Büro zu sitzen. Ich stelle es mir schön vor, einen abwechslungsreichen Tagesablauf zu haben, indem sich Schreibtischarbeit mit körperlicher Arbeit abwechselt. Es muss ein gutes Gefühl sein, wenn man dazu fähig ist, sich teilweise selbst zu versorgen. Im Moment bin ich diesbezüglich ziemlich „verblödet“. Ich kann weder gärtnern, noch Dinge bauen oder reparieren. Ich habe kaum Ahnung davon, was man in der Natur essen kann. Ich weiß nicht, wie man Lebensmittel haltbar macht oder einen Mantel näht.

Was diese Unfähigkeit bei einem Systemzusammenbruch bedeutet, bekomme ich zurzeit durch meinen Schwiegervater in Venezuela mit. Dort gibt es in den Läden (fast) nichts mehr zu kaufen.

Meine persönliche Vision von einem guten, einfachen Leben

Seit einigen Monaten tüftel ich an einer Idee für meinen zukünftigen Lebensstil. Weniger Lohnarbeit und mehr Selbstversorgung, das möchte ich ausprobieren. Das Modell von Paech nehme ich als Basis.

vision

20 Wochenstunden entmonetarisierte Arbeit

Meine 20 Wochenstunden entmonetarisierte Arbeit stelle ich mir folgendermaßen vor:

In meiner Vision baue ich ab Frühjahr 2017 so viel Obst, Gemüse und Kräuter an, wie es in der Großstadt für mich möglich ist:

  • Ich werde hierfür unseren Balkon nutzen. Im Frühjahr möchte ich dort auf enger Fläche möglichst viel Gemüse und Kräuter anbauen. Am Sichtschutz zum Nachbarbalkon soll sich eine Brombeerhecke hochranken. 🙂 Das Projekt wird nicht einfach für mich. Ich bin absoluter Garten-Beginner. Kennst Du einen guten Blog zu diesem Thema? Schreibe es mir gerne in die Kommentare.
  • Zur Erweiterung der Anbaufläche möchten die Oma und ich einen Schrebergarten anmieten. Wir stehen auf der Warteliste für eine Laube in Fußnähe. Es wird wahrscheinlich noch zwei bis drei Jahre dauern, bis wir an der Reihe sind. In der Zwischenzeit kann ich Erfahrung beim Anbau auf dem Balkon sammeln.
  • Zusätzlich sammel ich Fallobst. Rund um unser Haus stehen so viele ungenutzte Obstbäume, dass ich gar nicht alle Früchte sammeln und einmachen kann. Obst sammeln, putzen, entwurmen, verarbeiten – eine Haidenarbeit, wie ich inzwischen weiß. Meine romantische Vorstellung vom Fallobstsammeln ist seit diesem Herbst hinüber! 😉 Kennst Du übrigens mundraub.org? Hier findest Du öffentliche Fallobstbäumem in Deiner Umgebung.

Weiterhin möchte ich Lebensmittel vor der Tonne retten. Meine Erfahrungen zum Thema Foodsharing findest du hier.

Unsere Fahrräder, Küchengeräte und Ähnliches möchte ich zukünftig selbst reparieren. Das wird etwas! Es gibt erfreulicherweise viele Repair-Cafes in Berlin, die Hilfestellung geben. Ich hoffe trotzdem, dass so schnell nichts kaputt geht!

Drogerieprodukte wie Zahnpasta, Waschmittel und Putzmittel möchte ich selbst herstellen. Momentan nutze ich hierfür die Rezepte von Smarticular.

20 Wochenstunden monetarisierte Arbeit

Während ich eine genaue Vorstellung davon habe, wie ich meine entmonetarisierte Arbeitszeit gestalte, habe ich noch große Lücken bei der monetarisierten Arbeit. Hier habe ich gesammelt, was mir wichtig ist:

Mein Ziel ist eine Anstellung mit einer 20-Stunden-Woche. Beim Stöbern durch die Jobbörsen habe ich in meiner Branche keine einzige Stellenausschreibung mit 20 Stunden gesehen. Deshalb bin hier flexibel. 25 oder 30 Stunden mit kurzer Anfahrtszeit sind für mich akzeptabel.

Ich möchte durch meine Anstellung nicht zur Umweltzerstörung beitragen. Idealerweise arbeite ich an einer guten Sache mit. Ich durchforste bevorzugt die Jobbörsen The Changer, Jobverde und Ähnliche.

Das Gehalt muss ausreichend sein, sodass ich zusammen mit meinem Mann unsere Ausgaben finanzieren kann.

Ansonsten bin ich relativ offen. Oder besser gesagt, nach wie vor orientierungslos.

Was werde ich wohl denken, wenn ich diesen Text in einem Jahr lese? Was davon kann ich umsetzen? Was klappt? Was nicht? Und was ist, wenn alles klappt? Werde ich mir einen Acht-Stunden-Bürotag zurückwünschen, weil Gemüse anbauen, Geräte reparieren und Foodsharing ziemlich anstrengend sind? Ich bin gespannt!


Bildquelle: pixabay.com. Kamiel Choi.

11 Gedanken zu “Wie will ich leben? Ideen rund um Postwachstum und Degrowth

    • Katrin schreibt:

      Liebe Anke, danke für Dein Feedback 🙂 das ist super interessant und motivierend für mich, dass Du dieses Modell bereits lebst! Mit Fragen zum Garten komme ich sicherlich einmal auf Dich zu! Viele Grüße!

      Gefällt mir

  1. Frau Pingaga schreibt:

    Da ähneln wir uns sehr… der Eintrag könnte von mir sein. 😉
    Lustig, wir fangen auch nächstes Jahr höchstwahrscheinlich einen Schrebergarten an! 🙂
    Ich kaufe schon lange keine neuen Klamotten mehr, auch nicht fürs Kind- alles secondhand!
    Spielzeug und Bücher auch meistens.
    Und meine Haare wasche ich mit Roggenmehl oder Waschseife.
    Habe neulich ein tolles Buch gesehen, was man alles mit Hausmitteln machen kann (nur 5 Sachen).. muss ich mal wieder suchen.
    Einen ähnlichen Blogeintrag werde ich sicher auch bald mal veröffentlichen!

    Gefällt mir

  2. Sabine schreibt:

    Ich bin über Deinen FB-Beitrag auf Deine Seite aufmerksam geworden. Schon als Jugendliche fand ich diese Wachstumsideologie unlogisch. 6.000 Jahre lang (oder noch länger) gab es Wachstum in dieser Form nicht. Entwicklung ja, aber nicht diesen Totalverbrauch von Lebensgrundlage. Minimalismus gefällt mir vor allem deshalb gut, weil ich Klarheit liebe. Allerdings ist es noch ein weitere Weg, bis meine Wohnung annähernd so aufgeräumt aussieht wie Deine. Ich hatte allerdings auch 20 Jahre mehr Zeit, was anzusammeln als Du 😉
    Brombeerhecke auf dem Balkon ist vermutlich problematisch, weil die Höhe einer Pflanze in Bezug zur Tiefe ihrer Wurzeln steht. Dabei gibt es Tief- und Flachwurzler. Brombeeren sind Tiefwurzler.
    Als Gartenblog empfehle ich http://der-kleine-horror-garten.de/.

    Gefällt 1 Person

  3. Brombeerhecke schreibt:

    Hallo Sabine, schön dass Du hierher gefunden hast! Vielen lieben Dank für den Tipp zur Brombeerhecke und dem Kleinen Horror Garten! Da ich blutige Anfängerin bin, freue ich mich immer über Input 🙂
    Viel Spaß beim Ausmisten und vor allem kein Stress damit! Es soll ja kein Wettbewerb sein, sondern dem eigenen Wohlbefinden dienen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s