Kündigen ohne neuen Job – Erfahrung und Zwischenbilanz 1

Jeder zweite Deutsche ist laut Marktforschungsinstitut YouGov mit seiner Arbeitsstelle unzufrieden. Viele denken regelmäßig darüber nach, alles hinzuschmeißen und ihren Job zu kündigen. Ich habe es tatsächlich getan – ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. War das die richtige Entscheidung?

Drei Monate nach meiner Kündigung ziehe ich eine erste Zwischenbilanz und überlege, wie es beruflich weitergehen soll.

Würde ich wieder selbst kündigen, ohne einen neuen Job zu haben?

Ja. Ich hatte einen wunderbaren, unbeschwerten Sommer. Mein Kopf war frei von Stress, Ärger und Jobsorgen. Ich konnte vieles in meinem Leben überdenken und habe Neues ausprobiert. Highlights waren das Yoga Festival in Berlin und das Foodsharing Festival 2016. Ich habe die „Ausbildung“ zum Foodsaver gemacht und dieses Blog gestartet. Nach 37 Jahren, in denen ich meistens angepasst und „vernünftig“ war, habe ich endlich kapiert, dass ich nicht nur für meinen Lebenslauf lebe. Mein Leben an sich ist, was zählt. Diesen tollen Sommer kann mir niemand mehr nehmen. Besonders schön finde ich, dass sich unser Familienleben erheblich entspannt hat.

Was ist nach meiner Kündigung anders gelaufen als erwartet?

Ich bin davon ausgegangen, dass ich nach meiner Kündigung „einfach mal nichts mache“. Ich habe es nicht geschafft. Von meinem 180 %-Arbeitspensum in einer Agentur runter auf 0 % – das war für mich nicht möglich. Irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich mir „künstliche“ Aufgaben schuf: Ich mistete die Wohnung aus und sortierte Papierkram. Stundenlang arbeitete ich Aufträge für Online-Textbörsen ab. Bloß keine Leere aufkommen lassen … Erst während des Urlaubs in Griechenland bin ich runtergekommen.
Eine andere Vorstellung von mir war, dass ich viel in der freien Natur wandere. In der Realität bin ich nur dreimal kurz im Wald gejoggt. Dabei hatte ich so viel Angst überfallen zu werden, dass ich die einsamen Wanderungen nicht weiter geplant habe.

Ohne Job – wie mache ich nun weiter?

Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass ich einen Job finde, der nicht mein ganzes Leben dirigiert. Ich arbeite sehr gerne, aber mit ständigem Deadline-Stress, massiven Überstunden und Wochenendarbeit will ich mich nicht mehr belasten. Folgende Ideen haben mich deshalb beschäftigt oder beschäftigen mich noch immer.

Idee 1 – Ich lebe geldfrei und muss deshalb nicht mehr arbeiten

Diese Vision habe ich in der ersten Zeit nach meiner Kündigung verfolgt. Ich versuche, meinen Lebensstil zu minimalisieren, sodass ich mit möglichst wenig Geld auskomme. Sehr inspirierend finde ich dabei die Botschaft von Raphael Fellmer und das Experiment Selbstversorgung.
Seit Mai bin ich sozusagen im „Konsumstreik“. Ich kaufe so wenig wie möglich ein. Und wenn, dann bevorzugt gebraucht. Zahnpasta, Mundwasser, Kastanienwaschmittel, Deo und Ähnliches mache ich selbst. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ein DM von innen aussieht. Meine teure Kosmetik von Paula’s Choice habe ich über eBay verkauft. Ich nutze im Bad nur noch Kernseife, Olivenöl und Essigrinse. Ich habe mich an mein ungeschminktes Gesicht gewöhnt. Das Auto ist weg. Lebensmittel organisiere ich zum großen Teil über Foodsharing und von Fallobstwiesen. Bücher hole ich in der Bücherei. Die Freizeit verbringe ich „umsonst und draußen“. Die Altersvorsorge ist stillgelegt. Im Haus stehen unsere „Studentenmöbel“, das Geschirr ist vom letzten Ex-Freund. Und trotzdem – geldfrei bleibt für mich und meine Familie absolut utopisch. Unsere Wohnkosten sind hoch. In eine Einzimmerwohnung am Stadtrand wollen wir nicht ziehen. Die Versicherungen belasten unser Budget, genauso wie Ausgaben für Klamotten, Essen, Spielsachen, Kita-Ausflüge usw. Uns bleiben jede Menge Posten, die wir nicht jenseits des Geldmarktes besorgen können. Das heißt für mich, früher oder später muss ich wieder Geld verdienen.

Idee 2 – Ich mache mich selbstständig und bin mein eigener Chef

Mein eigener Chef sein, selbst bestimmen, was, wo und wann ich arbeite – die Selbstständigkeit erschien mir vor ein paar Monaten wie ein Traum. Ich organisierte mir beim Finanzamt eine Steuernummer, meldete mich bei den zwei bekanntesten Online-Textbörsen an und arbeitete dort wie besessen Aufträge ab. Ich war zu langsam. Mein Stundenlohn lag irgendwo bei 2 Euro. Auf der Suche nach fair bezahlten Aufträgen baute ich mir einen Internetauftritt als Texterin. Dann überlegte ich, wie ich bei der Akquise von gut zahlenden Kunden vorgehen wollte. Ich habe nie damit angefangen. Warum? Zurzeit steht mir der Sinn nicht so sehr nach Selbstvermarktung. Ich möchte nicht den ganzen Tag alleine von zu Hause aus arbeiten, ich habe gerne ein Team um mich. Die soziale Absicherung über eine Festanstellung beruhigt mich ungemein. Den Traum von der Selbstständigkeit habe ich somit ebenfalls auf Eis gelegt.

Idee 3 – Ich werde Hausfrau und Mutter sponsored by Ehemann

Niemals hätte ich gedacht, dass ich – als aggressive Verfechterin meiner finanziellen Freiheit – jemals darüber nachdenken würde, mich von meinem Mann geldtechnisch abhängig zu machen. Also werde ich Hausfrau, um mir keinen Job mehr suchen zu müssen? Zukünftig müsste ich dann meinen Mann fragen, ob ich mir einen Pulli oder eine Zeitschrift kaufen darf. So stelle ich mir das zumindest vor. Seit ich diese Gedanken in mir trage, träume ich schlecht: Mein Mann stirbt oder verlässt mich. Ich stehe auf der Straße mit Kind, ohne Job. Puh …

Idee 4 – Ich suche mir eine neue Festanstellung

Die Idee 4 ist irgendwie sehr unspektakulär und lautet: Nachdem es mich Jahre gekostet hat, bis ich mich endlich getraut habe, meine Festanstellung zu kündigen – suche ich mir nun schnell wieder eine neue Festanstellung. Zumindest solange der Lottogewinn auf sich warten lässt …

 

6 Gedanken zu “Kündigen ohne neuen Job – Erfahrung und Zwischenbilanz 1

  1. Jessi schreibt:

    O man, das liest sich ziemlich ernüchternd – irgendjemand macht einem eben immer einen Strich durch die Rechnung (hier ist es eben immer der Staat).
    Als chronisch Kranke weiß ich, wie sich Abhängigkeit anfühlt und ich finde es nicht schön. Wenn ich etwas für mich haben möchte, dann lege ich sehr viel Wert darauf, dass ich das irgendwie selber bezahle. Das dauert manchmal eine Weile, aber dann weiß ich auch, dass ich etwas wirklich will. Für mich bleibt aus gesundheitlichen Gründen nur die Selbständigkeit und die finanzielle Sicherheit durch meinen Mann.

    Deine Entscheidung, deinen „Höllen-Job“ zu kündigen, war auf jeden Fall richtig und ich wünsche dir viel Erfolg bei der Jobfindung! 😉

    Gefällt 1 Person

    • Katrin schreibt:

      Danke! Dank Deinem Stil-Helfer weiß ich jetzt auch, was ich am besten zum Bewerbungsgespräch anziehe! 🙂

      Eine chronische Erkrankung macht die Sache mit dem Beruf natürlich auch nicht einfacher. Da wird mir gerade bewusst, dass ich auf hohem Niveau jammere. „Ernüchtert“ beschreibt mein Gefühl im Moment trotzdem ziemlich gut. LG

      Gefällt 1 Person

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