Foodsharing – meine Erfahrung beim Lebensmittelretten

Seit August bin ich aktive Foodsaverin bei Foodsharing. Dabei habe ich jede Menge neue Erfahrungen gesammelt. In diesem Beitrag nehme ich Dich mit auf eine Tour.

Foodsharing – was ist das?

Foodsharing ist eine Organisation, die sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzt. Dazu kooperiert Foodsharing mit Lebensmittelhandlungen, wie Bäckereien oder Supermärkten. Bei allen teilnehmenden Betrieben holen sogenannte Foodsaver regelmäßig Lebensmittel ab, die sonst in der Tonne landen würden. Das gerettete Essen kann selbst verzehrt oder verteilt werden. Hierzu gehören beispielsweise Milchprodukte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, Nudeln mit einem Loch in der Verpackung, Brot vom Vortag, Gemüse und Obst mit Druckstellen sowie Produkte, die benötigte Regalflächen blockieren.

Laut einer WWF-Studie wandern in Deutschland jährlich 18,4 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll. Das bedeutet eine riesige Verschwendung an Ressourcen und ist angesichts des Welthungers eine unfassbare Dekadenz. Ich freue mich, dass ich bei Foodsharing etwas dagegen unternehmen kann. Mehr Informationen zum Thema findest Du hier:

www.foodsharing.de

Youtube-Video über Foodsharing

Mein Weg zum Foodsaver

20161005_140558

Seit Anfang 2016 beschäftige ich mich mit den Themen Minimalismus, Selbstversorgung, Umweltschutz und Postwachstumsgesellschaft. Hierbei bin ich im Internet auf foodsharing.de gestoßen. Kurz darauf fand das Foodsharing-Festival 2016 in meiner Nähe statt. Ich meldete mich spontan an. Was ein Glück! Auf dem Festival lernte ich viele interessante Menschen mit neuen Ideen und engagierte Foodsaver kennen. Bestärkt durch diese tolle Erfahrung beschloss ich, Foodsaver zu werden. Hierzu absolvierte ich im ersten Schritt das Einstiegsquiz auf foodsharing.de. Darauf folgten drei Probeabholungen zusammen mit erfahrenen Mitarbeitern. Jetzt besitze ich meinen persönlichen Foodsaver-Ausweis, mit dem ich in den Teams mitarbeiten kann. Momentan rette ich zwei- bis dreimal pro Woche Lebensmittel in einem Bioladen.

Foodsharing – wann, wo und wie rette ich Lebensmittel?

Im eingeloggten Bereich von foodsharing.de schaue ich regelmäßig auf der Betriebsseite meines Bioladens nach, an welchen Tagen in den kommen Wochen Foodsaver benötigt werden. Ich wähle einen oder mehrere Termine aus, an denen ich Lebensmittel retten will. Der Eintrag ist verbindlich. Ich garantiere damit, dass ich an den ausgewählten Terminen ALLE bereitgestellten Lebensmittel mitnehme und diese selber esse oder an andere verteile. Je nach Menge, die der Bioladen übrig hat, kann das auch Mal etwas stressig werden.

Wenn ich mit meinem Fahrrad auf Tour gehe, ziehe ich aktuell mit einem Backpacker-Rucksack, zwei Fahrradtaschen und zwei blauen IKEA-Beuteln los. Oft benötige ich alle diese Taschen, um die Lebensmittel abzutransportieren. Manchmal gibt es vor Ort „nur“ ein bisschen Gemüse oder ein paar Brötchen. So sollte es sein. Denn das bedeutet, dass der Betrieb gut kalkuliert hat und versucht, Verschwendung zu vermeiden.

Nach etwa 15 Minuten radeln, erreiche ich meinen Bioladen. Dort warte ich bis zur vereinbarte Uhrzeit ab und melde mich mit meinem Ausweis beim Personal.

Meist haben die Mitarbeiter im Hinterhof alles bereitgestellt. Was mich hier erwartet, ist unterschiedlich. Manchmal sind es große Mengen an abgelaufenen, aber noch einwandfreien Milchprodukten, Kaffee, Pesto, Nudeln, Getreide oder Chips. Alles schön vorsortiert, sodass ich nur noch einpacken muss. Manchmal steht im Innenhof eine Kiste mit welkem Gemüse und verschimmeltem Obst garniert mit benutzen Tempotaschentüchern und angebissenen Brezeln. In diesem Fall sortiere ich die nicht mehr genießbaren Lebensmittel und den Müll in den jeweiligen Container und nehme mit, was noch essbar ist. Letzteres ist nichts für schwache Nerven, finde ich. Danach geht es zurück nach Hause.

Was mache ich mit dem Essen?

Einen Teil des Essens verbrauchen meine Familie und ich selbst. Unsere Lebensmittelkosten haben sich dadurch stark reduziert. Da die Mengen an gerettetem Essen oft sehr groß sind, verteile ich zudem vieles an Bekannte und Freunde. Bleibt dann immer noch etwas übrig, bringe ich die Lebensmittel zu einem Fair-Teiler. Das sind frei stehende Kühlschränke in der Stadt, die Foodsaver befüllen. Jeder kann sich dort kostenlos bedienen. Alternativ biete ich die Lebensmittel als digitalen „Essenskorb“ auf foodsharing.de an. Abends kommen dann Foodsharer bei uns zu Hause vorbei, die davon abhaben wollen. Daran gefällt mir besonders gut, dass ich viele nette Leute kennenlerne.

Hier siehst Du Bilder von geretteten Lebensmitteln.
Manchmal reicht es für einen prall gefüllten Kühlschrank:

Und manchmal gibt es einfach ein leckeres Mittagessen mit Smoothie zum Nachtisch:

Mein Gefühl beim Foodsharing

Beim Lebensmittelretten durchlaufe ich immer wieder gemischte Gefühle. Ich freue mich, dass ich etwas gegen Ressourcenverschwendung tun kann. Und natürlich macht es Spaß, tolles Essen geschenkt zu bekommen. Manchmal fühle ich mich damit allerdings unwohl, da andere Familien das Essen dringender benötigen als wir. Leider ist es für die Wohlfahrtsverbände logistisch nicht machbar, täglich all das Essen abzuholen, das verschwendet wird. Das heißt, wenn Foodsharing die Lebensmittel nicht holt, wandern sie in den Müll. Und damit ist niemandem geholfen. Deshalb mache ich weiter. Ich berichte vielen Familien von Foodsharing und den Fair-Teilern. Gut zu wissen ist, das Foodsharing mit den Tafeln zusammenarbeitet.

Das Abholen der Lebensmittel ist eine schöne Abwechslung im Tagesablauf, auf die ich mich meistens freue. Circa 99% der Lebensmittelhändler sind nett und die Zusammenarbeit ist angenehm. Manchmal kommt es vor, dass ich abschätzige Blicke von Lieferanten, Mitarbeitern oder Kunden ernte, wenn ich im welken Gemüse wühle. Ehrlich gesagt, schäme ich mich dann. Das finde ich interessant. Warum schäme ich mich für etwas, was sinnvoll und nachhaltig ist? Darüber muss ich noch nachdenken.

Auf jeden Fall überwiegt für mich das Positive beim Lebensmittelretten. Ich empfehle Dir, es selbst auszuprobieren. Hier kannst Du dich anmelden.

Sehr empfehlenswert ist diese schockierende Dokumentation über die weltweite Lebensmittelverschwendung Taste the waste.

Lesetipp – Erfahrungsbericht von Sofaheldin.

 

9 Gedanken zu “Foodsharing – meine Erfahrung beim Lebensmittelretten

  1. Anonymous schreibt:

    Schöner Bericht. Und so ehrlich. Ich glaube, ich würde mich auch schämen, wenn mich dabei jemand abschätzig anschauen würde. Und Du hast Recht: Warum eigentlich? Wahrscheinlich ist es die Erziehung: Man wühlt halt nicht im Müll (und es ist ja im Prinzip als Abfall ausgesondert). Und wenn man von anderen etwas umsonst nimmt, hat man es anscheinend nötig und steht damit auf einer niedrige(re)n sozialen Stufe. Kontrollüberlegung: Würdest Du Dich auch blöd fühlen, wenn Du einen Preis dafür bezahlen würdest, der nicht nur ein „Symbolpreis“ ist? Nicht mehr ganz so doll, oder? Kann man lange drüber nachdenken 🙂 LG und weiterhin frohes sharen!

    Gefällt 1 Person

    • Katrin schreibt:

      Hallo! Daß mit der niedrigeren sozialen Position und „es nötig haben“ trifft es sehr gut. Das ist so ein „scham-trigger“. Geld würde es vielleicht nicht unbedingt besser machen. Denn dann würde man dafür bezahlen den „müll“ der anderen essen zu dürfen… Drastisch ausgedrückt… Besser fühlt es sich für mich immer an, wenn Leute den Wert des foodsharings anerkennen (Schutz der ressourcen, andere mitversorgen, Bewusstsein wecken, gesellschaftlichen wandel mitgestalten…). Ich gehe aber davon aus, dass viele foodsaver als Schmarotzer sehen. Bzw. sich auch ekeln, da sie nicht wissen wie top die meissten lebensmittel sind, die in der Tonne landen. Lg

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s